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    Textkritik


    Kurz beschrieben, geht die Textkritik etwa folgendermaßen vor:

    Der Text der Handschriften wird rekonstruiert und entziffert.
    Die vorhandenen Manuskripte werden miteinander verglichen und Varianten festgestellt (Kollation).
    Die Varianten werden analysiert, insbesondere im Hinblick auf ihre Entstehung. Erfahrungsgemäß kommen dabei vor:
    Abschreibversehen (doppelte Zeilen oder Wörter (Dittographie), ausgelassene Zeilen oder Wörter (Haplographie), Verwechslung ähnlicher Buchstaben, Schreibfehler);
    ein schwieriger Text wurde vereinfacht;
    ein kurzer Text wurde ergänzt;
    ein ungebräuchlicher Text wurde einem gebräuchlichen angeglichen (z. B. aus Christus Jesus wird Jesus Christus) oder bei den synoptischen Evangelien werden die Lesarten einander angeglichen;
    eine Änderung auf Grund von Itazismus, ausgelöst von den Lautveränderungen der griechischen Sprache.
    Eine möglichst ursprüngliche Variante wird ermittelt. Als die ursprünglichere Lesart gilt die, die das Zustandekommen der anderen Lesarten am besten erklären kann (vergleichbar zur Phylogenie). Weitere Faktoren sind dabei auch das Alter oder die Qualität einer Handschrift: Ein Papyrus ist häufig älter als ein Pergament und eine Minuskelhandschrift ist meist jünger als eine Majuskel, entsprechend haben die Textzeugen unterschiedliches Gewicht und unterschiedliche Glaubwürdigkeit in der Frage nach der ursprünglicheren Lesart. Es kann aber auch eine junge Abschrift eine sehr gute und alte Vorlage haben.
    Ein sehr großer Teil der textkritischen Entscheidungen betrifft unwesentliche Details, die keinerlei Auswirkungen auf den Sinngehalt oder auf die spätere Übersetzung haben. Das gilt beispielsweise, wenn ein Text das Pronomen durch das Bezugswort ersetzt, die Reihenfolge der Wörter im Satz verändert ist oder bei Zusammen- und Getrenntschreibung von Wörtern. Das gilt ebenso in den meisten Fällen für Akzente, diakritische Zeichen oder Satzzeichen.
    Konjekturen, also vom Herausgeber vorgeschlagene Lesarten ohne überlieferte Textgrundlage, haben bei der heutigen Forschungslage in der neutestamentlichen Wissenschaft keine Berechtigung mehr. Heute ist davon auszugehen, dass wenigstens ein bekannter Textzeuge an der fraglichen Stelle die ursprüngliche Lesart enthält oder wenigstens eine Lesart, die dem ursprünglichen Text sehr nahe kommt.[4]
    Auch die besten Zeugen sind zu hinterfragen. Kein Textzeuge hat immer und überall recht und jeder Schreiber kann Fehler machen. Jede Textstelle mit abweichender Lesart muss einzeln betrachtet werden und die Entscheidung individuell jedes Mal neu getroffen und begründet werden.
    Textkritische Entscheidungen vorwiegend anhand der Mehrheit der bekannten Textzeugen entsprechen nicht mehr dem Stand der modernen Textkritik. Die Zahl der Textzeugen hängt hauptsächlich davon ab, welche Überlieferung sich im Lauf der Zeit durchgesetzt hat und ist zu einem gewissen Grad zufällig. In manchen Fällen lassen sich ganze Gruppen von Handschriften, sogenannte Textfamilien, auf eine einzige oder sehr wenige Vorlagen zurückführen. Von textkritischem Wert ist in diesem Fall nur die eine aus den Abschriften rekonstruierbare Vorlage, die allerdings ihrerseits zeitlich weiter zurückreicht als die überlieferten Handschriften.
    Diese ganze Arbeit fließt in den so genannten Apparat einer griechischen Textedition ein, mit dem sich die Zuverlässigkeit des Texts beurteilen lässt. Dabei werden in Fußnoten die möglichen Varianten zu einem Bibelvers angegeben, die Textzeugen, in denen die Varianten vorkommen, und meistens eine Bewertung der Variante.

    Textkritik interessiert sich nicht für die inhaltliche Auslegung des Textes, sondern liefert als ersten Schritt innerhalb der historisch-kritischen Exegese den im Weiteren zu analysierenden Text. Auf die Textkritik kann nur verzichtet werden, wenn die Textgestalt einer bestimmten Überlieferungstradition durch eine dogmatische Entscheidung als verbindlich festgelegt wird. Friedrich Blass sagt zur Textkritik: „Denn wirklich, sie ist nicht notwendig weder für den Nationalwohlstand, wie man das Geldmachen vornehm nennt, noch für das ganze Getriebe des modernen Lebens, noch für das Getriebe der Kirche, noch, wie ich schon sagte, für die Seligkeit der Seelen; weshalb ist sie überhaupt notwendig? Sie ist es, sage ich, für vernünftige und gebildete Menschen, oder mit anderem Ausdruck für denkende Christen.“[5]

    Textkritik wird in den Anfängen vor allem begriffen als Rückkehr zu den Ursprüngen. Das Ziel ist dabei, die späteren Zusätze als sekundär oder sogar als Verfälschung zu eliminieren. Textkritik wird andererseits als notwendiges Übel der vielfältigen Überlieferung angesehen. Die Textkritik rekonstruiert die Überlieferung des neutestamentlichen Textes mit seinen Übersetzungen, Glossierungen, Zusätzen und Veränderungen. Die vielfältige Überlieferung kann somit nicht nur als Mangel, sondern auch als Reichtum gesehen werden. Texterweiterungen und Änderungen sind dabei als Auslegung und Verstehenshilfe der Vorlagen zu verstehen und Textvarianten werden als Teil der Hermeneutik und der Auslegungsgeschichte begriffen.

    Im Herrn Jesus Christus
    Hans Peter Wepf
    1. Mose 15.6
    Und er glaubte Jehova; und er rechnete es ihm zur Gerechtigkeit.
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