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Völker des Unbekannten Gottes Don Richardson

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  • Völker des Unbekannten Gottes Don Richardson

    Don Richardson "Ewigkeit in ihren Herzen"
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    Völker des Unbekannten Gottes
    Die Athener
    Irgendwann während des sechsten Jahrhunderts vor Christus in einer Ratsversammlung auf dem Mars-Hügel in Athen...
    „Sage uns, Nikias, weichen Rat lässt das Orakel der Pythia uns durch dich mitteilen? Warum ist diese Plage über uns ge kommen? Und warum haben unsere zahllosen Opfer nichts bewirkt?"
    Mit kühlem Blick schaute Nikias den Präsidenten der Ratsversammlung offen an. ,,Die Priesterin erklärt, unsere Stadt läge unter einem schrecklichen Fluch. Ein bestimmter Gott habe diesen Fluch auf uns gelegt wegen des Königs Megakles schlimmen Verbrechens der Treulosigkeit gegenüber den Anhängern des Kylon..."
    ,,Ja, ja! Ich erinnere mich daran", sagte ein andres Ratsmitglied bitter. , ,Megakles erreichte mit einem Amnestiever sprechen, daß die Anhänger Kylons sich ergaben. Dann aber brach er prompt sein gegebenes Wort und erschlug sie. Doch welcher Gott trägt uns dieses Verbrechen immer noch nach? Allen Göttern haben wir Sühneopfer gebracht!"
    „Nein, das stimmt nicht", antwortete Nikias. „Die Priesterin sagt, es gäbe noch einen Gott, der nicht zufriedengestellt sei."
    ,,Wer könnte das sein?" fragten die Ältesten und schauten Nikias ungläubig an.
    ,,Das kann ich euch nicht sagen", antwortete Nikias. ,,Das Orakel selbst scheint seinen Namen nicht zu wissen. Es wurde nur gesagt, daß..."
    Nikias machte eine Pause und betrachtete die besorgten Gesichter seiner Kollegen. Währenddessen hörte man das Echo von tausend lauten Totenklagen aus der ganzen geschlagenen Stadt heraufschallen.​

    Nikias fuhr fort: ,,...Wir müssen sofort ein Schiff nach Knossos auf die Insel Kreta schicken und einen Mann mit Namen Epimenides hierher nach Athen holen. Die Priesterin hat mir versichert, er wisse, wie man diesen beleidigten Gott besänftigen könne, so dass unsere Stadt gerettet würde."
    ,,Gibt es keinen Mann mit genügend Weisheit hier in Athen?" platzte ein empörter Ältester heraus. ,,Müssen wir um Hilfe bitten ... bei... einem Ausländer?"
    ,,Wenn du in Athen einen solchen grossen Weisen kennst, dann lade ihn ein", sagte Nikias. ,,Wenn nicht, dann lasst uns einfach tun, was uns durch das Orakel befohlen wurde."
    Kalter Wind - kalt wie der Kälteschauer durch den Schrecken in Athen - fegte durch den weissen Marmorraum der Ratsversammlung auf dem Mars-Hügel. Ein Ältester nach dem anderen zog sich seine Richter-Robe fest um die Schultern und wog Nikias Worte ab.
    ,,Verwende dich für unser Wohl, mein Freund", sagte der Präsident der Ratsversammlung. ,,Hole diesen Epimenides, sofern er deine Bitte erhören will. Und wenn er unsere Stadt befreit, werden wir ihn belohnen."
    Andere Ratsmitglieder stimmten zu. Ruhig erhob sich Nikias, verbeugte sich vor der Versammlung und ging hinaus.
    Vom Mars-Hügel weg wandte er sich dem Hafen von Piräus zu. Ein Schiff lag dort vor Anker. -
    Epimenides stieg in Piräus rasch und entschlossen an Land, Nikias folgte ihm. Die beiden Männer wandten sich sofort nach Athen, wobei sie sich im Gehen langsam von dem wilden Schwanken des Schiffes während der langen Fahrt von Kreta erholten. Als sie die schon weltberühmte ,,Stadt der Philosophen" betraten, waren überall Zeichen der Seuche zu spüren. Aber Epimenides bemerkte noch etwas anderes...
    ,,Nirgends habe ich je so viele Götter gesehen!" rief der Kreter seinem Führer zu und blickte verwundert auf die langen Reihen von Götterbildern, die beide Seiten der Strasse von Piräus säumten. Und Hunderte solcher Statuen umgaben eine felsige Böschung, die Akropolis hiess. Eine spätere Generation von Athenern baute dort den Parthenon.

    ,,Wie viele Götter hat Athen?" wollte Epimenides wissen.
    ", mindestens einige hundert!", antwortete Nikias.
    „Einige hundert!" rief Epimenides. „Götter müssen hier leichter zu finden sein als Männer!"
    „Das ist gut gesagt!" lachte der Ratsherr Nikias in sich hin ein.
    „Wer weiss, wie viele Sprichwörter schon geprägt worden sind über »Athen, die Stadt, die mit Göttern überschwemmt ist'. Steine in einen Steinbruch zu schleppen ist genauso unnötig, wie einen neuen Gott nach Athen zu bringen!"
    Nikias hielt inne und überdachte seine eigenen Worte. "Und doch", begann er nachdenklich, "das Orakel der Pythia erklärt uns, dass wir Athener noch einen weiteren Gott versöhnen müssen. Und du, Epimenides, musst die notwendige Verbindung zu ihm herstellen. Offensichtlich bedürfen wir trotz all dessen, was ich gesagt habe, doch noch eines weiteren Gottes!"
    Plötzlich warf Nikias seinen Kopf zurück und lachte.
    "Epimenides, ich kann mir ums Leben nicht vorstellen, wer dieser weitere Gott sein sollte. Wir Athener sind der Welt grösste GötterSammler! Wir haben die Theologien vieler Völker um uns her durchwühlt und jede Gottheit, die wir irgendwie mit Wagen oder Schiffen in unsere Stadt transportieren konnten, zusammengebracht."
    ,,Vielleicht ist das euer Problem", sagte Epimenides geheimnisvoll. Verständnislos schaute Nikias Epimenides an. Wie sehr brannte er darauf, Klarheit über diese letzte Bemerkung zu bekommen. Aber etwas in des Epimenides Verhalten hielt ihn zurück. Kurze Zeit später erreichten sie eine alte, mit Marmorboden ausgestattete Stoa (Philosophenschule) in der Nähe des Ratsherrensales auf dem Mars-Hügel.
    Ihre Ankunft hatten die Ältesten von Athen schon erfahren.
    Die Ratsversammlung sass erwartungsvoll da.
    »Epimenides, wir sind dir dankbar...", begann der Präsident der Versammlung.
    ,,Gelehrte Älteste von Athen, es besteht kein Grund, mir zu danken", unterbrach Epimenides. „Bringt morgen früh bei Sonnenaufgang eine Herde Schafe, eine Gruppe Steinmetzen und eine Menge Steine und Mörtel zum grasbewachsenen Abhang am Fusse dieses heiligen Felsens.
    Die Schafe müssen alle gesund und von unterschiedlicher Farbe sein - einige weiss, einige schwarz. Jetzt will ich mich von meiner Reise ausruhen. Weckt mich bei Tagesbeginn."
    Die Ratsmitglieder wechselten neugierige Blicke, als Epimenides über den Boden der Stoa schritt, sich in einen ruhigen Winkel setzte, seinen Mantel als Decke um sich hüllte und zu meditieren begann. Der Präsident wandte sich einem jungen Ratsmitglied zu.
    ,,Achte darauf, dass alles ausgeführt wird, wie er befohlen hat", ordnete er an.
    „Die Schafe sind hier", sagte der junge Ratsherr sanft. Epimenides erhob sich ganz verschlafen und zerzaust von seinem Ruheplatz und folgte dem Boten zum grasbewachsenen Abhang am Fusse des Mars-Hügels. Zwei ,,Herden", eine aus weissen und schwarzen Schafen, die andere aus Ratsmitgliedem, Schafhirten und Steinmetzen bestehend, warteten unter der aufgehenden Sonne. Hunderte von Bürgern der Stadt standen auf den umgebenden kleinen Hügeln und warteten voller unsicherer Spannung.
    Sie waren erschöpft und ausgelaugt von einer weiteren Nacht der Pflege ihrer von der Seuche geschlagenen Angehörigen oder der Beweinung ihrer Toten.
    „Gelehrte Älteste", begann Epimenides, ,,ihr habt euch bis zum Äussersten bemüht, euren zahllosen Göttern grosse Opfer zu bringen, doch alles hat sich als zwecklos erwiesen. Ich werde nun Opfer bringen, bei denen ich von drei Annahmen ausgehe, die sich erheblich von den euren unterscheiden. Meine erste Annahme..." Jedes Auge war auf den hochgewachsenen Kreter gerichtet; jedes Ohr war ihm völlig zugewandt, um ja nicht das nächste Wort zu verpassen. ,,...ist die, dass es noch einen weiteren Gott gibt, der mit eurer Seuche hier zu tun hat, einen Gott, dessen Name uns nicht bekannt ist und der deshalb auch nicht unter euren Götterbildern hier in der Stadt vertreten ist. Zweitens gehe ich von der Annahme aus, dass dieser Gott gross genug ist - und auch gütig genug -, um etwas in Sachen dieser Plage zu tun, wenn wir ihn nur um seine Hilfe anflehen."

    ,,Einen Gott anflehen, dessen Name unbekannt ist?" platzte ein Ältester heraus. ,,Ist das überhaupt möglich?"
    ,,Die dritte Annahme ist meine Antwort auf deine Frage", entgegnete Epimenides. ,,Diese Annahme ist sehr einfach. Jeder Gott, der gross genug und gütig genug ist, um dieser Seuche zu wehren, ist wahrscheinlich auch gross genug und gütig genug, über unsere Unwissenheit wohlwollend zu lächeln - vorausgesetzt, wir geben unsere Unwissenheit zu und rufen ihn an!"
    Ein Murmeln der Zustimmung ging durch die Reihen und mischte sich mit dem Blöken der hungrigen Schafe. Nie zuvor hatten die Ältesten von Athen solche Schlussfolgerungen gehört. Doch warum, so wollten sie gerne wissen, mussten die Schafe unterschiedliche Farbe haben?
    ,,Und nun", rief Epimenides, ,,macht euch bereit, die Schafe an diesem heiligen Abhang loszulassen. Wenn ihr sie losgelassen habt, erlaubt jedem Tier, dort zu grasen, wo es will. Aber lasst jedem Tier einen Mann folgen, der es ganz genau beobachtet." Dann schaute Epimenides auf zum Himmel und betete mit sehr klangvoller und zuversichtlicher Stimme: ,,0 du unbekannter Gott! Sieh doch, wie die Seuche diese Stadt betroffen hat! Und wenn du tatsächlich Erbarmen fühlst, uns zu vergeben und zu helfen, dann schau dir diese Schafherde an! Ich flehe dich an, zeige deine Bereitschaft zur Antwort, indem du veranlasst, dass jedes Schaf, das dir gefällt, sich jetzt auf dem Gras niederlegt, anstatt weiterzufressen. Wähle die weissen, wenn dir weiss gefällt; die schwarzen, wenn du schwarz gerne hast. Und die, die du auswählst, wollen wir dir opfern - im Bewusstsein unserer erbärmlichen Unkenntnis deines Namens!" Epimenides beugte sein Haupt, setzte sich auf das Gras und gab den Schafhirten, die die Herde hüteten, ein Signal. Langsam traten die Hirten zur Seite.
    Schnell und eifrig zerstreuten sich die Schafe kreuz und quer über den Hügelabhang und begannen zu grasen. Währenddessen sass Epimenides still wie eine Statue und schaute auf den Boden.
    ,,Es ist hoffnungslos", murmelte einer der Ratsherren mit gerunzelter Stirn und seufzte tief. „Es ist früher Morgen, und

    ich habe selten eine Herde so eifrig fressen sehen. Kein einziges Schaf wird sich entschliessen zu ruhen, bevor es nicht den Bauch voll hat. Und wer soll dann glauben, dass ein Gott es zum Ruhen veranlasste?"
    ,,Epimenides muss wohl mit Absicht gerade diese Tageszeit gewählt haben!" antwortete Nikias. ,,Nur dadurch können wir schliesslich erkennen, dass ein Schaf sich aufgrund des Willens des unbekannten Gottes zur Ruhe legt und nicht aus eigenem Antrieb!"
    Kaum hatte Nikias ausgesprochen, da rief ein Hirte: ,,Schaut!" Jedes Auge wandte sich in seine Richtung und sah, wie ein Widder in die Knie ging und sich ins Gras legte.
    ,,Und hier ist noch eines!" brüllte ein aufgeschreckter Ratsherr, vom Staunen überwältigt. Innerhalb weniger Minuten lag eine Anzahl weiterer kräftiger Schafe auf dem Gras, das zu saftig war, als dass ein hungriger Pflanzenfresser hätte widerstehen können - unter normalen Umständen -.
    „Wenn sich nur eines hingelegt hätte, hätten wir gesagt, es müsse krank sein", rief der Präsident der Ratsversammlung aus. ,,Aber das hier? Das - kann nur - eine Antwort sein!"
    In seinen Augen war Ehrfurcht zu lesen, als er sich Epimenides zuwandte und sagte: „Was sollen wir jetzt tun?"
    ,,Nehmt die Schafe besonders, die jetzt ruhen", antwortete der Kreter, indem er zum ersten Mal seinen Kopf hob, seit er zu dem unbekannten Gott gebetet hatte, ,,und bezeichnet die Stelle, wo jedes von ihnen lag. Dann lasst eure Steinmetzen Altäre bauen - einen Altar an jedem Ruheplatz eines jeden Tieres."
    Die begeisterten Steinmetzen begannen ihre Arbeit mit Stein und Mörtel. Am Spätnachmittag war der Mörtel hart genug. Jeder Altar war bereit. ,,Wessen Gottes Namen sollen wir auf diesen Altären eingravieren?" fragte ein übereifriger junger Ratsherr. Alle Köpfe wandten sich dem Kreter zu, um seine Antwort zu hören.
    „Name?" sprach Epimenides gedankenvoll. ,,Der Gottheit, deren Hilfe wir suchten, hat es gefallen, auf das Eingeständnis unserer Unwissenheit hin zu antworten. Wenn wir nun vorgeben, als seien wir Wissende, indem wir einen Namen
    eingravieren, ohne auch nur die leiseste Ahnung von diesem Namen zu haben, dann, so fürchte ich, beleidigen wir den Gott."
    ,,Darauf dürfen wir es nicht ankommen lassen", stimmte der Präsident der Ratsversammlung zu. ,,Aber sicherlich gibt es eine angemessene Möglichkeit, jeden Altar vor seiner Benutzung zu weihen."
    „Du hast recht, gelehrter Ältester", sagte Epimenides mit einem knappen Lächeln, ,,Es gibt einen Weg. Die Inschrift sollte ganz einfach lauten: ,agnosto theo - dem Unbekannten Gott' - seitlich auf jedem Altar. Mehr ist nicht notwendig."
    Die Athener befolgten den Rat des Kreters und gravierten diese Inschrift ein. Dann opferten sie jedes ,,geweihte" Schaf auf dem Altar an der Stelle, wo dieses geruht hatte. Die Nacht brach herein. Bei Tagesanbruch hatte sich die tödliche Umklammerung der Seuche schon gelockert. Innerhalb einer Woche waren die Erkrankten geheilt. Die Athener flössen' über von Preis und Dank gegenüber dem ,,Unbekannten Gott" des Epimenides und gegen diesen selbst, weil er solch erstaunliche Hilfe auf solch einfallsreiche Weise gebracht hatte. Die dankbaren Bürger schmückten die einfachen Altäre am Fusse des Hügels mit Blumengirlanden. Später stellten sie eine Statue, die Epimenides in sitzender Stellung zeigte, vor einem ihrer Tempel auf.^
    Wie Plato in einem Abschnitt seiner ,,Gesetze" berichtet, hatte Epimenides zur gleichen Zeit auch prophezeit, dass zehn Jahre später eine persische Armee gegen Athen anrücken würde. Er versicherte jedoch den Athenern, dass ihre persischen Feinde ,,auf jeden Fall mit zerstörten Hoffnungen heimkehren würden und dass sie selbst mehr leiden müssten, als sie ihnen an Leid zufügen konnten". Diese Prophezeiung erfüllte sich. Die Ratsversammlung bot Epimenides eine große Geldsumme für seinen Dienst an, jedoch lehnte er eine Bezahlung ab. „Die einzige Belohnung, die ich mir wünsche", sagte er, ,,ist die, dass wir hier und jetzt einen Freundschaftsbund schliessen zwischen Athen und Knossos." Damit waren. die Athener einverstanden. Als der Vertrag zwischen Athen und Knossos geschlossen war, gaben sie Epimenides sicheres Geleit für seine Rückreise zu seiner Heimatinsel.

    (Plato bezeugt im gleichen Abschnitt dem Epimenides seine Achtung, indem er ihn einen,,geisterfüllten Mann" nennt. Er ehrt ihn als einen der großen Männer, die der Menschheit geholfen haben, Erfindungen wiederzuentdecken, die während der ,,grossen Flut" verlorengingen.)
    Im Laufe der Zeit vergassen die Athener jedoch allmählich die Barmherzigkeit, die der ,,Unbekannte Gott" des Epimenides ihnen erwiesen hatte.
    Schließlich vernachlässigten sie sogar seine Altäre am Abhang unterhalb des Mars-Hügels. Sie wandten sich wieder der Anbetung der mehreren hundert Göttern zu, die sich als unfähig erwiesen hatten, den Fluch über ihrer Stadt wegzunehmen. Vandalen zerstörten einige der Altäre und rissen von an deren Steine los. Gras und Moos wuchs auf den Ruinen...
    Eines Tages machten zwei Älteste, die sich an die Bedeutung der Altäre erinnerten, dort halt, als sie von ihrer Ratsver- sammlung kamen. Sie lehnten sich auf ihre Stäbe und schau ten sinnend auf die überwachsenen Überreste der Altäre. Einer kratzte etwas Moos ab und las die alte, darunter verborgene Inschrift: ,,Agnostotheo."
    ,,Demas, erinnerst du dich?"
    ,,Wie könnte ich das vergessen?" antwortete Demas. ,,Ich war doch der junge Ratsherr, der die ganze Nacht aufblieb, um für die Herde, die Steine, den Mörtel und die Steinmetzen zu sorgen, damit bei Sonnenaufgang alles klar war."
    „Und ich", fügte der andere Älteste hinzu, ,,war jenes übereifrige Ratsmitglied, das den Vorschlag machte, alle Altäre sollten den Namen irgendeines Gottes eingraviert bekommen. Wie dumm von mir!" Der Sprecher machte eine Pause und versank tief in Gedanken. Dann ergänzte er:,,Demas, du magst mich für einen Frevler gegen die Götter halten, aber ich kann mir nicht helfen: Wenn der ,unbekannte Gott' des Epimenides sich offenbaren würde, dann könnten wir vielleicht bald schon auf alle anderen Götter verzichten." Der bärtige Älteste deutete geringschätzig mit seinem Stab auf die vielen Reihen taubstummer Götterstatuen - es waren inzwischen mehr als je zuvor-, die die Akropolis umgaben.
    ,,Sollte er sich selbst jemals offenbaren", sagte Demas tief-

    sinnig, ,,wie werden unsere Leute dann erkennen können, dass er kein fremder Gott ist, sondern der, der bereits eingegriffen hat in die Angelegenheiten unserer Stadt?"
    ,,Ich glaube, es gibt nur einen Weg", antwortete der erste Älteste. „Wir müssen mindestens einen dieser Altäre zu erhalten versuchen als Zeugnis für unsere Nachkommenschaft. Und die Geschichte des Epimenides muss in unserer Tradition irgendwie lebendig bleiben."
    ,,Eine grossartige Idee!" begeisterte sich Demas. ,,Schau! Dieser hier ist noch in gutem Zustand. Wir werden Steinmetzen bestellen, die ihn wieder aufpolieren. Und morgen werden wir unsere ganze Ratsversammlung an den längst zurückliegenden Sieg über jene Seuche erinnern. Wir werden veranlassen, mindestens die Pflege dieses Altares in den jährlichen Ausgaben-Etat unserer Stadt aufzunehmen."
    Zum Zeichen ihrer Übereinstimmung gaben sich die bei den Ältesten die Hand. Arm in Arm humpelten sie den Pfad entlang und schlugen ihre Stäbe frohlockend gegen die Steine des Mars-Hügels. -
    Das Vorhergehende gründet sich hauptsächlich auf eine Überlieferung, die Diogenes Laertius, ein griechischer Autor des dritten Jahrhunderts vor Christus, als geschichtlich berichtet, und zwar in seinem klassischen Werk ,,Über Leben und Meinungen berühmter Philosophen" (übersetzt von Otto Apelt. Leipzig 1921; Verlag von Felix Meiner. Erstes Buch, Kapitel X, S. 55 f).
    Die Grundelemente im Bericht des Diogenes sind: Epimenides, ein Held aus Kreta, ging auf eine von Nikias übermittelte Anfrage der Athener dorthin, um ihnen bei einer Seuche zu raten und zu helfen. Als Epimenides in Athen angekommen war, erhielt er eine Herde weisser und schwarzer Schafe, ließ sie los auf dem Mars-Hügel und gab den Männern Anweisung, den Schafen zu folgen und alle die Stellen zu bezeichnen, wo sich irgendeines von ihnen zur Ruhe legte. Der offensichtliche Zweck des Epimenides war der, jedem Gott, der diese Seuche gesandt hatte, eine Gelegenheit zu geben, seine Bereitschaft zu wirklicher Hilfe zu zeigen, indem er veranlasste, daß die ihm gefallenden Schafe sich niederlegten. Das sollte das Zeichen sein, dass der Gott dieser Schafe als Opfer gnädig annehmen werde. An sich war es ja nicht ungewöhnlich, dass sich die Schafe ausserhalb ihrer normalen Zeit des Grasens niederliessen, deshalb legte Epimenides dieses Experiment auf den ganz frühen Morgen, wo die Schafe am hungrigsten sind. Eine Anzahl Schafe legte sich tatsächlich zur Ruhe, und die Athener opferte sie auf den Altären ohne Namen, die eigens für diesen Zweck erbaut wurden; so wich die Plage der Seuche von der Stadt.
    Andere Einzelheiten in diesem Bericht befassen sich mit der Ursache des Fluches. Sie wurden in Loebs Classic Library entdeckt als Fußnote eines Herausgebers von „The Art of Rhetoric" (Die Kunst der Rhetorik) (3,17:10) von Aristoteles. Das Buch wurde von J. H. Freese übersetzt und in Cambridge, Massachusetts, verlegt. Die Erklärung, daß niemand anders als das Orakel der Pythia die Athener unterwies, Epi menides rufen zu lassen, findet sich in dem bereits erwähnten Zitat in Piatos Schrift,,Gesetze".
    Diogenes Laertius selbst erwähnt nicht, daß die Worte ,,agnosto theo" auf den Altären des Epimenides eingraviert waren. Er stellt nur fest, dass ,,Altäre in verschiedenen Teilen von Attica gefunden werden können, auf denen keine Namen eingeschrieben sind, Altäre, die Zeichen der Erinnerung an jene Sühneopfer sind."
    Zwei andere Schriftsteller des Altertums - Pausanias in sei ner ,,Beschreibung Griechenlands" (Band 1,1:4) und Philo- stratus in seiner Schrift ,,Appolonius aus Tyana" - beziehen sich jedoch auf,,Altäre für einen unbekannten Gott" und ge ben an, daß eine derartige Inschrift auf ihnen eingegraben war.
    Daß solch eine Inschrift auf mindestens einem dieser Altä re in Athen eingegraben war, wird bestätigt von einem Historiker des ersten Jahrhunderts namens Lukas.
    Beim Beschreiben der Erlebnisse des berühmten christlichen Apostels Paulus erwähnt Lukas eine Begegnung, die von der Geschichte über Epimenides auf Ehrfurcht einflössende Weise untermalt wird.

    „Während Paulus nun in Athen wartete", schrieb Lukas, ,,wurde er innerlich schmerzlich erregt, weil er die Stadt voller Götterbilder sah" (Apg. 17,16, Menge-Übersetzung).
    Wenn die Athener schon zur Zeit des Epimenides sich mehrerer hundert Götter rühmten, dann waren es zur Zeit des Apostels Paulus wohl noch Hunderte mehr. Es liegt in der Natur des Götzendienstes, dass er in sich einen eingebauten ,,In flationsFaktor" hat. Wenn Menschen zugunsten von minderwertigen Gottheiten den einen allwissenden, allmächtigen und allgegenwärtigen Gott ablehnen, entdecken sie schliesslich - zu ihrer grossen Enttäuschung -, dass es einer Unzahl solcher geringerer Götter bedarf, um die alles umfassende Bedeutung und Macht des wahren Gottes auch nur halbwegs auszufüllen.
    Und als Paulus sah, wie die Athener das heilige Vorrecht der Gottesanbetung durch Übertragung auf Bildnisse aus Holz und Stein schändeten, war er zutiefst entsetzt. Deshalb begann er, etwas dagegen zu tun. Zunächst: ,,Er besprach sich mit den Juden und den zum Judentum übergetretenen Griechen in der Synagoge" (Apg. 17,17; Menge).
    Nicht, dass die Juden und gottesfürchtigen Griechen diejenigen waren, die Götzendienst ausübten! Keineswegs! Sie waren jedoch diejenigen, die am meisten Verantwortung auf sich nehmen sollten für den Widerstand gegen das Überhandnehmen des Götzendienstes in ihrer Stadt.
    Vielleicht entdeckte Paulus, dass diese Leute so an götzendienerisches Treiben gewöhnt waren, dass sie sich auf Kompromisse mit dem ,,Sodom-Faktor" eingelassen hatten. Von daher fehlte ihnen die Kraft zum überzeugten und überzeugenden Widerstand. Auf jeden Fall ging Paulus von sich aus zum Angriff über. Lukas berichtet:, ,Er besprach sich auf dem Markt Tag für Tag mit denen, die er dort gerade antraf."
    Wer fand sich dort ein? Und wie reagierten sie?
    Lukas er klärt: ,,Auch einige epikureische und stoische Philosophen ließen sich mit ihm ein, und manche sagten: ,Was fällt denn diesem Schwätzer ein zu behaupten?' "Man sieht, selbst ein Apostel kann Schwierigkeiten im Bereich des kulturellen Austauschs erleben!
    Andere aber meinten: ,,Er scheint ein Verkündiger fremder Gottheiten zu sein" (Apg. 17,18).
    Warum diese letzte Bemerkung? Zweifellos hörten die Philosophen ihn über Theos - Gott - sprechen. Theos war für sie ein vertrauter Begriff, jedoch war es üblich, ihn nicht als einen persönlichen Namen zu gebrauchen, sondern als allgemeinen Begriff für jede Art Gottheit - so, wie man das Wort ,,Mann" in der deutschen Sprache für jeden Mann und nicht als persönlichen Namen verwendet.
    Die Philosophen mussten aber gewusst haben, dass Xenophanes, Plato und Aristoteles - drei der grössten Philosophen aller Zeiten - Theos als einen persönlichen Namen für einen bestimmten allerhöchsten Gott in ihren Schriften verwandten (vgl. z. B. Encyclopaedia Britannica, 15. Ausgabe, Band 13, S. 951 und Band 14, S. 538).
    Zwei Jahrhunderte nach der Zeit von Plato und Aristoteles hatten die Übersetzer der Septuaginta - der ersten griechischen Fassung des Alten Testaments - ein grosses Problem: Konnte man in der griechischen Sprache ein passendes, gleich wertiges Wort für Elohim finden? Sie zogen den Namen Zeus in Erwägung, verwarfen ihn aber wieder. Obwohl Zeus der König der Götter genannt wurde, hatten heidnische Theologen sich ausgedacht, ihn zum Sohn zweier weiterer Götter, nämlich Kronos und Rhea, zu erklären. Ein Nachkomme an derer Wesen kann Elohim niemals entsprechen, da er ja unerschaffen ist. Schliesslich erkannten die Übersetzer den von den oben genannten Philosophen zufällig verwendeten Begriff Theos als einen persönlichen griechischen Namen für den Allmächtigen an. Theos war in dieser besonderen Bedeutung ein Name, der noch nicht von den Krusten falschen Verständnisses überzogen war. Sie übernahmen ihn also. Genauso wie Abraham grosszügig den Namen El Elyon übernahm, als er unter den Kanaanitern von Jahwe sprach, machte es auch Paulus mit dem Namen Theos in seinen Predigten und Schriften bei seiner Missionsarbeit.
    So mag es also vielleicht nicht Theos gewesen sein, sondern der unbekannte Name Jesus, der die Philosophen annehmen ließ, Paulus verkündige neue Götter. Vielleicht waren sie
    auch erstaunt darüber, daßirgend jemand weitere Götter nach Athen bringen wollte, der ,,Götter-Hauptstadt" der Welt! Wahrscheinlich brauchten die Athener auch Stoff für ihre ,,Sensationspresse", um eine Art Kartei zu führen über die vielen Gottheiten, die schon in ihrer Stadt vertreten waren.
    Wie ging Paulus auf die Meinung ein, er verkündige überflüssige Götter in einer Stadt, die bereits überschwemmt war mit Gottheiten?
    Jesus Christus hatte Paulus bereits eine hervorragende Anweisung darüber gegeben, wie er mit Problemen beim Kontakt mit anderen Kulturen zurechtkommen könnte, auch solchen, wie sie in Athen für ihn auftraten. Jesus hatte damals vor Damaskus durch eine so überzeugende und erleuchtende Vision zu Paulus geredet, dass er eine Zeitlang erblindete. Jesus hatte zu ihm gesagt, er werde ihn zu den Heiden senden, ,,aufzutun ihre Augen, dass sie sich bekehren von der Finsternis zu dem Licht" (vgl. Apg. 26,17-18).
    Die Logik Jesu war ohne Fehler. Wenn die Menschen sich von der Finsternis zum Licht wenden sollen, müssen ihre Au gen erst einmal geöffnet werden, um den Unterschied zwischen Licht und Finsternis zu erkennen. Und was braucht es, um jemandem die Augen zu öffnen?
    Einen Augen-Öffner!
    Aber wo konnte Paulus - geboren als Jude, wiedergeboren als Christ - einen Augen-Öffner für die Wahrheit über den allerhöchsten Gott in dem von Götzen überfluteten Athen entdecken? In diesem religiös total polytheistischen System konnte er kaum eine Spur für die Einsicht finden, Monotheismus sei besser.
    Aber als Paulus ,,in Athen umherwanderte und sich um sah" (Apg. 17, 23), fand er etwas innerhalb des ,,Systems", was nicht, ,dazugehörte": einen Altar, der nicht in Beziehung stand zu irgendeinem anderen Gott. Dieser Altar trug die merkwürdige Inschrift: ,,Einem unbekannten Gott". So wie Abraham den Melchisedek nicht mit dem König Sodoms in einen Topf warf, so sah auch Paulus den Unterschied zwischen diesem Altar und den Götzen. Hier lag für ihn der Schlüssel
    zur Verständigung, der in die Herzen dieser stoischen und epikureischen Philosophen passte.
    Ais sie ihn einluden, seine Ansichten auf einem für vernünftige Auseinandersetzungen passenderen Platz als dem Marktplatz darzulegen, war er bereit. Der Treffpunkt des Paulus war eine Versammlung des Areopag, das heisst der „Mars-Hügel-Gesellschaft". Das war eine Gruppe prominenter Athener, die sich auf dem Mars-Hügel trafen, um über Angelegenheiten aus Geschichte, Philosophie oder Religion zu diskutieren. Es war der gleiche Hügel, auf dem sich etwa 600 Jahre zuvor Epimenides mit dem Problem der Pestilenz in Athen befasst hatte.
    Paulus hätte auf dem Mars-Hügel eine deutliche und un missverständliche Sprache sprechen können. Er hätte sagen können: ,,Ihr Männer von Athen, trotz all eurer grossartigen Philosophien seid ihr doch böse Götzendiener. Bekehrt euch
    - oder ihr geht verloren!" Dabei wäre jedes Wort wahr gewesen!
    Ferner hätte er versuchen können, sie ,,von der Finsternis zu dem Licht" zu führen, wie Jesus es ihm aufgetragen hatte. Aber er fiel nicht, wie man so sagt, mit der Tür ins Haus, sondern fand den richtigen Einstieg. Jesus hatte ja als Voraussetzung genannt, ,,ihre Augen zu öffnen", wodurch es erst möglich wurde, sie ,,von der Finsternis zum Licht" zu führen.
    Paulus ging also ganz folgerichtig vor, als er seine Rede begann: ,,Männer von Athen! Nach allem, was ich sehe, seid ihr ganz besonders eifrige Gottesverehrer. Denn als ich hier um herging und eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Al tar mit der Aufschrift: Einem unbekannten Gott. Das Wesen nun, das ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch" (Apg. 17, 22-23). Welch bemerkenswerte Zurückhaltung, wenn man bedenkt, wie Paulus den Götzendienst verabscheute! Andere Juden hätten vielleicht sogar gesagt: ,,Dreckige Götzen!" Und dann war von Paulus etwas ausgesprochen worden, das sechs Jahrhunderte auf die Veröffentlichung hatte warten müssen: ,,Dieses Wesen...verkündige ich euch."
    War der Gott, den Paulus verkündigte, wirklich ein fremder, ausländischer Gott, wie diese Philosophen zunächst​​​​​​

    meinten? Keineswegs! Paulus folgerte, dass Jahwe, der Gott Israels und der Christen, durch den Altar des Epimenides schon im voraus erahnt und erwartet worden war. Er war also ein Gott, der damals bereits in die Geschichte Athens eingegriffen hatte. Deshalb hatte er ein Recht darauf, dass sein Name hier ausgerufen wurde!
    Aber verstand Paulus wirklich den historischen Hintergrund jenes Altars und die Auffassung von einem unbekannten Gott? Jawohl, sein Verständnis dafür läßt sich beweisen. Denn Epimenides, der die Fähigkeit besass, Licht in verworrene, düstere Probleme menschlich-göttlicher Beziehung zu bringen, war ausserdem auch ein Dichter!
    Und Paulus zitierte aus der Dichtung des Epimenides! Als er, um die Gemeinden auf der Insel Kreta zu stärken, später dort einen Missionar mit Namen Titus zurückliess, schrieb Paulus in einem Brief Anweisungen zum Umgang mit den Kretern: „Es hat ein Prophet aus ihrer eigenen Mitte gesagt: Die Kreter sind immer verlogene, bösartige Tiere und faule Bäuche. Dies Zeugnis entspricht der Wahrheit. Darum weise
    sie rücksichtslos zurecht, damit sie im Glauben gesund bleiben" (Tit. 1,12-13).
    Die Worte, die Paulus hier zitiert, sind aus einer Dichtung, die dem Epimenides zugeschrieben wird (Encyclopaedia Britannica, Micropaedia, 15. Ausgabe, Bd. 3, S. 924). Beachten Sie auch, dass Paulus Epimenides einen ,,Propheten" nennt! Das griechische Wort lautet prophetes. Paulus gebraucht das gleiche Wort für Propheten sowohl des Alten wie des Neuen Testaments! Mit Sicherheit würde Paulus Epimenides nicht mit dem Titel eines Propheten geehrt haben, wenn er nichts von seinem Charakter und seinen Taten gewusst hätte. Ein Mann, den Paulus zitierte als einen, der andere wegen übler Gewohnheiten tadelte, musste ja einer sein, der selbst nicht solch schlechte Charakterzüge aufwies!
    Weiterhin stellt Paulus auf dem Mars-Hügel eindeutig fest: ,,Er (Gott) hat auch gemacht, dass das ganze Menschengeschlecht von einem einzigen Stammvater her auf der ganzen Oberfläche der Erde wohnt; sie sollten Gott suchen, ob sie ihn wohl wahrnehmen und finden möchten, ihn, der ja nicht ferne

    von einem jeden unter uns ist" (Apg. 17,26-27). Diese Worte mögen ein versteckter Hinweis auf Epimenides sein, als Beispiel eines Heiden, der sich danach ausstreckte und einen Gott fand, der, obgleich dem Namen nach unbekannt, in Wirklichkeit nicht weit von ihm entfernt war!
    Wahrscheinlich waren die Mitglieder der Mars-Hügel-Gesellschaft auch vertraut mit der Geschichte des Epimenides durch die Schriften von Plato, Aristoteles und anderen. Vermutlich haben sie Paulus mit Bewunderung zugehört, als er seine Ausführungen mit solch einfühlsamem Verständnis für ihre eigene Kultur begann. Aber konnte sich dieser christliche Apostel, der von dem jüdischen Gelehrten Gamaliel ausgebildet worden war, die Aufmerksamkeit von Männern, die mit der Logik Platos und des Aristoteles aufgewachsen waren, lange genug erhalten, bis er ihnen auch das Evangelium übermittelt hatte?
    Der verblüffende Anfangserfolg des Paulus konnte nur beibehalten werden, wenn er auf eines besonders achtete: „Pausenlose Logik" könnte man es nennen. Solange jede Ausführung des Apostels sich streng logisch aus der vorhergehenden entwickelte, würden die Philosophen zuhören. Gäbe es aber eine Lücke in seiner Beweisführung und Begründung, würden sie ihm das Wort abschneiden - und zwar sofort! Das war ein Gesetz in der philosophischen Ausbildung, die sie alle mitgemacht und der sie sich unterworfen hatten. Sie würden auch einem Fremden nur dann Redefreiheit gewähren, wenn er logische Gedanken vortrug, die ihrer Aufmerksamkeit wert waren.
    Konnte die Art und Weise, wie Paulus das Evangelium darstellte, einer solchen harten und strengen Prüfung auf dem Mars-Hügel standhalten? Mehrere Minuten lang schien alles sich gut anzulassen. Paulus begann mit dem Zeugnis des Altars von Epimenides und ging dann über zum Zeugnis der Schöpfung von Gott. Von hier aus kam er nun auf die Unvereinbarkeit eines allmächtigen Schöpfergottes mit dem Götzendienst. Im Verlauf seiner Ausführungen erreichte er es schliesslich, den Götzendienst in Athen als „,Unwissenheit" darstellen zu können, ohne dabei sein Publikum zu verlieren.

    So sprach er weiter: ,,Nun aber lässt er (Theos) den Menschen sagen, dass sie alle überall umkehren sollen sollen. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an welchem er den Erdkreis mit Gerechtigkeit richten will durch einen Mann, den er dazu ausersehen und den er für alle durch seine Auferweckung von den Toten beglaubigt hat" (vergl. Apg. 17,30-31).
    Mit anderen Worten: Nachdem Paulus einen ,„ Augenöff ner" gefunden und gebraucht hatte, um die Grundlage zu le gen, ging er über zur Ausführung des zweiten Befehls Jesu, nämlich die Athener dazu zu bringen, sich „von der Finsternis zum Licht zu bekehren". Dann fuhr er fort: „...Er hat allen dadurch den Beweis gegeben, dass er ihn auferweckt hat aus den Toten." Und hier - zum erstenmaließ Paulus eine Lücke in der Logik seiner Ausführungen. Er erwähnte die Auferstehung des Mannes, den Gott dazu bestimmt hatte, die Welt zu richten, ohne zuerst erklärt zu haben, wie und warum Jesus sterben mußte.
    Sofort griffen die Philosophen ihn an - zu ihrem eigenen geistlichen Nachteil. „Als sie aber von einer Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, die andern aber sagten: Wir wollen dich hierüber später noch einmal hören. So ging Paulus hinweg" (Apg. 17,32-33).
    Paulus hatte seinen Zuhörern bereits deutlich gemacht, mit welcher Inkonsequenz sie den Götzendienst tolerierten, wenn nicht gar unterstützten. Das war keine kleine Leistung inmit ten einer Gesellschaft von Leuten, die so stolz auf die Logik ihrer Vernunft waren. Wirklich aufrichtige Sucher nach Wahr heit wären zumindest seinen einleitenden Gedanken weiter gefolgt und hätten ihn nicht wegen eines späteren Formfehlers abgewiesen.
    Nicht alle jedoch bezweifelten seine Ausführungen über die Auferstehung: „Etliche Männer aber hingen ihm an und wurden gläubig, unter welchen war Dionysius, einer aus dem Rat" (Apg. 17, 34).^"' Aus der Überlieferung des 2. Jahrhunderts geht hervor, dass Dionysius später der erste Bischof von Athen wurde! Sein Name ist von Dionysos abgeleitet, einem griechischen Gott, dessen Theologie die Vorstellung einer Auferstehung der Toten einschliesst. Könnte hier wohl eine

    Verbindung liegen zwischen jenem Gedankengang und des Dionysius persönlichem Eingehen auf einen Mann, der so mutig die Lehre von der Auferstehung vertrat?
    Später setzte der Apostel Johannes die Annäherung des Paulus an das griechisch-philosophische Denken fort, indem er einen Lieblingsausdruck der Philosophen, den Logos, Jesus als Titel verlieh. Ein griechischer Philosoph namens Heraklit gebrauchte als erster diesen Begriff etwa 600 Jahre vor Christus und bezeichnete damit den göttlichen Grund oder Plan, der ein sich ständig wandelndes Universum in Einklang bringt. Logos bedeutet ganz einfach „Wort". Die Juden ihrerseits betonen das mimar (aramäisch für „Wort") des Herrn. Johannes sah im griechischen Logos und im jüdischen memar eine grundsätzliche Beschreibung der gleichen theologisch gültigen Wahrheit. Er stellte Jesus Christus als die Erfüllung beider Begriffe dar, als er schrieb: „Am Anfang war das Wort (Logos), und das Wort (Logos) war bei Gott (Theos), und Gott (Theos) war das Wort (Logos) ... Und das Wort (Logos) ward Fleisch (Mensch) und wohnte unter uns..." (Joh. 1, 1.14).
    In dieser lebendigen Nebeneinanderstellung der beiden griechischen Begriffe - Theos und Logos - in Beziehung zu Jesus Christus stellt das Christentum sich selbst als Erfüllung und nicht als Zerstörung des „Melchisedek-Faktors" in der griechischen Philosophie dar!
    In der Tat werden solche Begriffe und Gedanken von christlichen Abgesandten zu den Griechen klar als Bestimmung Gottes betrachtet, um so das Denken der Griechen für das Evangelium vorzubereiten. Sie fanden diese Begriffe aus der griechischen Philosophie genauso gültig wie die Ausdrükke für den Messias im Alten Testament, zum Beispiel „Lamm Gottes" oder „Löwe aus dem Stamme Juda". Und sie verwendeten beide Ausdrucksweisen gleich freimütig, um die Person Jesu Christi in den Zusammenhang sowohl der jüdischen als auch der griechischen Kultur einzusetzen.
    Taucht in Ihnen jetzt nicht eine bestimmte Frage auf? Sie ist nicht zu vermeiden. Wenn der Allmächtige in einer der heidnischen Kulturen - wie hier bei den Griechen - ahnungsvolle Gedankengänge über Gott und Christus vorherbestimmt hatte, um die Annahme der Erlösung zu erleichtern, könnte er dann nicht Ähnliches in andern heidnischen Kulturen getan haben? Vielleicht sogar in allen?
    Mit anderen Worten: Hat der Gott, der das Evangelium für die Welt vorbereitet hat, nicht auch die Welt für das Evangelium vorbereitet? Und wenn das so ist, dann wäre die gängige Annahme von Millionen Gläubiger und Ungläubiger einfach falsch, dass Heiden das Evangelium nicht verstehen und im all gemeinen diese Botschaft nicht annehmen wollen, dass es infolgedessen ungerecht sei (und die Arbeit nicht lohne), zu versuchen, es ihnen aufzudrängen.
    Im weiteren Verlauf dieses Buches (und in einem weiteren Band, der für die Zukunft geplant ist) möchte ich beweisen, dass diese Annahme falsch ist. Gott hat die Heidenwelt wirklich für das Evangelium vorbereitet. Eine eindrucksvolle Zahl von Nicht-Christen hat sich williger erwiesen, das Evangelium anzunehmen, als Christen bereit gewesen sind, es ihnen mitzuteilen!​​​​​
    Im Herrn Jesus Christus
    Hans Peter Wepf
    1. Mose 15.6
    Und er glaubte Jehova; und er rechnete es ihm zur Gerechtigkeit.
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